Berlin – Helsinki - Oulu und wir standen eins zwei fix mitten in der Nacht im Schnee. Tony, ein Freund von uns, sackte uns direkt am Flughafen ein und nach einem kurzen Stopp für eine Tasse Kaffee und einen kleinen Imbiss bei ihm zu Hause ging es noch einmal 200 km gen Norden hinein ins verschneite und tiefgefrorene Lappland. Hoffentlich werden wir in den nächsten Tagen mal eines der Nordlichter oder auch Revontulien zu Gesicht bekommen. In Lohijärvi, welches wir schon von vergangenen Sommercamps kannten, wurden wir von einer völlig verschlafenen Gestalt begrüßt, welche uns den Schlüssel für den Bungalow aushändigte. Noch ein gemütliches „Hölökyn kölökyn!“ bevor wir eine Mütze Schlaf nahmen, denn in 5 Stunden war das erste Training angesetzt.
Neben Skrupi aus Kamenz und mir waren noch weitere Deutsche aus Würzburg und Berlin, eine Gruppe aus Estland sowie Karateka aus Oulu und Rovaniemi angereist. Fast 40 Teilnehmer. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, daß es hier oben wahrscheinlicher ist, einem Rentier zu begegnen als einem Einheimischen. Der örtliche Tanzclub jedenfalls, welcher die nächsten Tage als Dojo fungieren durfte, lag für hiesige Verhältnisse direkt vor der Haustür. Trainiert wurde täglich einmal 3 Stunden, um den Rest des Tages noch bei etwas Sonnenlicht genießen zu dürfen.
Die Trainingseinheiten standen ganz im Zeichen der Bewegungsübungen a la Kiiskilä. Seit einiger Zeit versucht Risto mit Erfolg, Sprungkraftübungen aus dem Volleyball, Basketball oder Handball in für Kizami- und Gyaku Tsuki-typische Suri Ashi Bewegungen zu verpacken. Das heißt: belasten, Masse in Bewegung setzen, Distanz überwinden und dann erst spannen. Das Problem daran ist nur, die Lockerheit im Umgang mit einem Ball auf das Karate umzumünzen. Wenn der Kopf an das Schlagen denkt, geht jede lockere Bewegung kaputt. So steht das 5. Karategebot: „Beim Popeln darf das Knie nicht hochgehen!“ (O-Ton Risto) für natürliche Lockerheit und Bewegungsfreude. Und gerade die braucht man, um sich elegant zu bewegen und im richtigen Moment die Spannung am Körper aufzubauen, mit voller Kraft zu treffen und dann auch wieder zu entspannen. Dementsprechend sieht auch Ristos Terminus Corectus bezüglich des Unterschiedes zwischen Kime und einem Krampf aus. So wird eine Ganzkörperspannung, die man nicht bewusst lösen kann, zum Krampf. Zu welcher Gruppe man sich zugehörig fühlt, sollte glaube ich jeder selbst im Angesicht seines Schweißes klären. So konnten wir die Tage Ristos Kumitekata, die „Hokkyokuko“ oder auch Polarlicht genannt, in allen Varianten mit oder ohne Partner üben. Ob Tsuki oder Ushiro Geri, der Schwerpunkt lag wie schon erwähnt auf der Eleganz und einem gewissen „Schmerzfaktor“ der Techniken.
Der Nachmittag war bei kurzem Tageslicht zur individuellen Gestaltung frei. Wären wir bei der Futtersuche auf das Eisangeln angewiesen, wären wir wahrscheinlich jämmerlich verhungert. Doch der Spaßfaktor ist nicht zu unterschätzen, dazumal der eine oder andere Ganzkörperkontakt mit dem nassen Element unter der ca. 80cm starken Eisschicht gesucht und gefunden hat. Berrgele!! (eines der wichtigsten finnischen Vokabeln!). Doch wozu kommt in Lappland auf etwa jedes Rentier eine Sauna? Genau, eben für solche Fälle. Und so wurde bei 18°C unter Null der abendliche Saunagang mit einem Schneeengel zum eisigen Genuss. Noch eine Grillwurst und einen warmen Slivovic am Lagerfeuer oder am Kamin im Gemeinschaftshaus, und man freut sich über die ruhige Kehrseite des irdischen Jammertals.
Nun haben wir zwar keine Nordlichter im Freien gesehen, dafür im Dojo aber selber welche zum Leuchten gebracht.
Oss
Der Jürschn