Am 13. /14. Juni und 3 Hallenverschiebungen später hatten wir wieder einmal Sensei Shinji Akita als Gasttrainer für ein Wochenendtrainingslager in unserem Dojo. Bei Sonnenschein und angehenden sommerlichen Temperaturen fand erstaunlicher Weise zahlreiche Berliner Karateka von insgesamt 4 verschiedenen Dachverbänden zu uns. Doch wo waren unsere eigenen Schwarzgurte? Das der eine oder andere an solchen Wochenenden auch familiären Verpflichtungen nachgehen muss ist verständlich, dass unser Dojo jedoch nur von einer Handvoll Fortgeschrittener repräsentiert wird, war echt mager. Die Kinder haben uns dagegen zahlreich vertreten. Sie hatten ja auch keine Wahl! Das Training von Sensei Akita betonte an diesem Wochenende sehr die Grundschule. Die Kinder wurden zu einer korrekten Ausführung der Grundtechniken angehalten. Besonders wurden die Wendungen der Kata Heian Shodan mit Gedan Barai geübt. Immer wieder hielt Sensei Akita die Kinder an, sich auf ihren Körperschwerpunkt und das Energiezentrum im Unterbauch zu konzentrieren. Besonders bei unseren Weisgurtfrischlingen bedurfte es trotz Aufmerksamkeit und Disziplin manch helfender Übersetzung ins Deutsche und der einen oder anderen helfenden Hand von Andy oder Jürgen, um Herr über das Chaos von Links und Rechts zu werden. Aber aller Anfang ist ja bekanntlich schwer. Immer schön geschmeidig bleiben, die Zeit regelt gewisse Dinge von selbst!
Nach einer längeren gymnastischen Erwärmung waren die Fortgeschrittenen an der Reihe. Standübungen mit wechselseitigen Tsuki- und Blocktechniken ließen bei einigen die morschen Knochen krachen. Worin besteht der tiefere Sinn statischer Grundtechniken in ständiger Wiederholung einzuüben? Ein Schwarzgurt sollte eigentlich diese grundsätzlichen Dinge beherrschen. Um diese Frage zu klären, müssen wir den taoistischen Ursprung des Karate näher beleuchten. Das Tao ist die Urenergie des Universum die durch seine zwei Prinzipien dem Yin und Yang im Gleichgewicht gehalten wird. „Alles im Universum atmet hart und weich“ (Ho Goju donto). Ab hier wird jedem Karateka deutlich, dass dem Karate eben diese zwei Prinzipien zu Grunde liegen. Das System der Gegensätze, von hart-weich, schnell-langsam, kurz-lang, hoch-tief spiegelt sich in der klassischen Kata wieder. Die Bedeutung der traditionellen Kata war eine direkte Übersetzung in den Kampf, wie immer noch in der Bunkai gelehrt wird. Die Übung der Grundtechniken dient dem Schüler dazu einzelne Bewegungen einer Kata korrekt einzuüben. Das Ziel dabei ist die Kata selbst, und deren oberstes Ziel ist der Kampf. Der Weg ist das Ziel, doch wenn man das Ziel aus den Augen verliert, verirrt man sich.
Die Grundtechniken sollten also immer beide Prinzipien beinhalten und nicht eine Seite bevorzugen, da dadurch ein natürlicher Fluss der Bewegung verhindert wird. Als Schwarzgurt sollte man sich also immer vor Augen halten, dass ein statisches Techniktraining, so wichtig es für den Schüler ist, nur einen Teil des Ganzen betont und durch das Gegensätzliche ergänzt werden muss. Die Bewegungsübungen mit Suri Ashi vor und zurück sollten betont kurz ausgeführt werden. Dem zu Grunde liegt eine Form des Kämpfens auf begrenztem Raum, die durch Meister Ason aus China mit der Nai-han-chin eingeführt wurde. In der davon abgeleiteten Tekki des Shotokan wurden die Stellungen aber sehr viel breiter und der Schwerpunkt in den oberen Körper verlagert und damit das Konzept zur Entwicklung eines besonders festen Standes hin verändert. Dem Shotokan sind eher lange tiefe Stellungen eigen, da war ein gewisses Umdenken von Nöten. Die Linie der Übungsmethodik zog sich dann auch weiter bis in das Katatraining. Die Armtechniken sollten kurz und aus dem Unterbauch heraus ausgeführt werden. Da in der Schule Kiiskilä große dynamische Bewegungen mit optimaler Kraftübertragung aus den Beinen trainiert werden, habe ich mich mit dem Üben der Katas in dieser Form etwas schwer getan. Im Gegensatz dazu stimme ich Sensei Akita voll und ganz zu, bei den Ausholbewegungen jegliche Vorspannung zu vermeiden.
Ich hoffe nur, dass keiner diese Kritik als anmaßend oder substanzlos betrachtet. Man macht sich halt nur so seine Gedanken, wie man als Schüler und Lehrer seine Grundschule, Kata und das Kumite methodisch schlüssig in einem System verpackt und Karate als Kampfkunst richtig vermittelt. Nach dem Training war für unsere Kleinen im Dojo Action angesagt. Während wir unseren Durst löschten und gemeinsam mit Sensei Akita in der Sauna schwitzten, schlugen sich die Kinder die Bäuche mit Nudeln voll, um sich anschließend köstlich im schnell eingerichteten Dojokino bei Kung- Fu Panda und Co. zu amüsieren. Ein Dank an die Nudelcrew, das Filmteam und die Verdunkelungstechniker. Ein weiterer Höhepunkt des Wochenendes waren die Gürtelprüfungen unserer Kinder. Mit Disziplin, vollem Einsatz und einer gewissen routinierten Professionalität wurde dieser Prüfungsmarathon von Dirk, Jessi und unseren Karatefrischlingen gemeistert. Willkommen in der Welt der Farben!
Oss JT