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Elche im Tiefschnee

03.-05. Februar 2011

" Brandheiße Tsukis und gefrorene Zehen "

 

Da fliegt man etwa 2500km nach Norden, um irgendwo am tiefverschneiten Polarkreis mal einen Elch oder Rentiere zu sehen. Von den Polarlichtern ganz zu schweigen. Doch Fehlanzeige. Weit und breit keine Spur von den Tierchen, deren getrocknetes Fleisch so schmackhaft ist und deren Fell so manchen unbehaarten Zeh vor dem Erfrierungstod rettet. Na ja, und mit den Nordlichtern, ich meine, hebt man den Bierkonsum proportional zum Saunaaufguß, erscheinen beizeiten die Nordlichter aus den Nebelbänken, die über dem tiefverschneiten See hängen. Während die Poren warmen Dampf in die klirrende Nachtluft abgeben, brennt unser Unterbewusstsein das knisternde Glimmen der lodernden Lagerfeuerscheite auf die interne Festplatte. Doch bevor die Kälte in die Knochen schleicht, schnell wieder in die Sauna und eine Kelle Wasser aufgegossen.

Der morgendliche Blick aus dem Fenster sagt mir, ja - es hat die Nacht etwas geschneit, nein - die Sonne ist noch nicht aufgestanden, ja - in einer Stunde ist wieder Training. Also schnell einen Kaffee gebrüht, der Magen hat noch keine Meinung zur festen Nahrung, und langsam den Karategi eingepackt. Warm angezogen geht es dann hinunter auf die vereiste Dorfstraße und hin zum örtlichen Klubhaus, wo wir die Nordlichter preisen werden. Die Raumtemperatur liegt bei finnisch kuschligen 17°C und der Fußboden verbietet das längere Verweilen auf einem Fleck. Also ist Bewegung angesagt. Mäusefüße aus der Kalten und ich frage mich, ob Mäuse eigentlich auch kalte Füße bekommen. Doch dieser Gedanke verfliegt schnell, denn ich muss mich auf die vielen Suri Ashi Bewegungen konzentrieren. Rein, raus, zusammen und Wechsel, links herum, rechts herum, volle Drehung und Kameite. Langsam steigt aus den Füßen eine wohlige Wärme den Schenkel empor und die Tsukis meines Gegenübers wärmen den Bauch angenehm bis zum Rücken. Salziges Wasser läuft mir die Schläfen hinunter und der Gi zeigt erste Kondensatflecken. Partnerwechsel. Vorderes Bein, hinteres Bein, Standbein, Sitzbein, Steißbein, Eisbein, ich muss mich jetzt langsam auf das, worauf es ankommt, konzentrieren. Schneller, höher, weiter doch Moment mal, das kenne ich doch noch von irgendwoher. Und immer wieder diese Belastung, ich meine die auf meinem Sitzbein, oder war es mein Eisbein? Mein Gegenüber zeigt keine Schwäche, ob ihm auch so langsam die großen Muskelgruppen wehtun? Während sich die Anfänger mit einem Typen Namens Uwe herumschlagen, schieben wir Schwarzgurte uns die großen Zehen gegenseitig durch die Beine. Kein Yoga, kein Kamasutra, auch keine Anzüglichkeit der anderen Art, nur Belasten und die Faust in den Mund, aber nicht in den Eigenen. Das sollen wir üben, denn im Ernstfall muss es funktionieren. Da muss es -Pammm!!- machen und wenn ich nicht getroffen habe, muss ich wieder Kihon- Ippon- Kumite üben. Man, jetzt bin ich aber wirklich gut zu recht gemacht. Die letzten zwei finnischen Minuten Freikampf kommen mir wie eine Unendlichkeit vor. Die Zunge klebt am Gaumen, die Füße qualmen und so langsam stellt sich ein leichtes Ganzkörperaua ein. Yame! Endlich geschafft. Einen guten Karateka erkennt man angeblich daran, dass es immer weh tut, also bloß nichts anmerken lassen, sonst bildet sich der andere noch etwas ein.

Doch kaum zurück im verschneiten Camp ist die Anstrengung des Tages vergessen und die Poserei im Schnee geht los. Mann sind wir hart, barfuss im Pulverschnee, ein schockgefrorenes Gruppenbild für die Nachwelt und die Fußsohle erstarrt, Mae- Geris im Schneesturm bis sich der erste Teil der Zehgelenke verabschiedet, Kanku Dai und die Synapsen am Mittelfuß geben den Geist auf, und zum Schluss noch ein paar Ashi Barais und ich laufe gefühlt nur noch auf den Hacken. Bloß nicht umfallen! Der Gang auf zwei vereisten Stelzen hinauf zur Sauna ist mein Martyrium. Die Wahrnehmung des nun folgenden Schmerzes zeigt mir, ich bin noch am Leben. Doch Risto und Detlef jammern genau so. Das beruhigt mich ein wenig. So weit zu den Wintergrüßen aus Lappland oder sollte ich lieber sagen eisige Grüße?

Egal, wir haben überlebt, die Blutzufuhr zu den Zehen ist wieder hergestellt und wir durften wieder einen Schritt des Weges zusammen mit Sensei Risto Kiiskilä durch den tiefverschneiten Do des Karate gehen.

Oss, der Jürschn aus Berlin

Bilder




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