Jiu-Ippon-Kumite oder jede Stufe einer Leiter
Beim Beobachten von DJKB-Wettkämpfen fällt auf, dass es beim Kumite einen Leistungsabfall von den Altersgruppen „12-14“ zu den Altergruppen „15-17“ gibt. Beim genaueren Hinsehen ist es gleichzeitig der Sprung vom Kihon-Ippon-Kumite zum Jiu-Kumite, da faktisch kaum jemand die Alters- und Graduierungsbedingungen für das Jiu-Ippon-Kumite erfüllt. Das heißt – eine Kumiteform und damit ein ganzer Trainingsabschnitt werden übersprungen und die jungen Athleten mit dem Freikampf meist überfordert. Das äußert sich in ziellosen Angriffen, fehlenden Kombinationen, z. T. unübersehbarer Angst, mangelnder Treff- und Kontrollsicherheit in der Bewegung und dadurch auch hoher Verletzungsgefahr.
Aber warum ist das Jiu-Ippon-Kumite überhaupt wichtig??
Die Frage klärt sehr sich schnell, wenn wir das Kihon-Ippon-Kumite auf der einen und auf der anderen Seite den Freikampf als Nachbarn betrachten. Das Kihon-Ippon ist eine relativ undynamische, ja eher Standübung mit einer fast vollständig vorgegebenen Handlungsabfolge für beide Partner. Der Freikampf ist im wahrsten Sinne des Wortes frei, wenn man von den verbotenen Techniken und Zielzonen des Körpers absieht. Dazwischen klaffen noch Welten. Und genau diese zu schließen ist die Aufgabe des Jiu-Ippon-Kumite! Daraus ergibt sich dass das Jiu-Ippon-Kumite in der logischen Lern- und Trainingsfolge nach dem Kihon-Ippon-Kumite geübt und praktiziert werden muß (und nicht nur im eigenen Dojo)!
Der Freikampf ist letztendlich nichts weiter als Zweier- und Dreierkombinationen (wie im Jiu-Ippon-Kumite!) in der richtigen Situation angewandt! Und genau das fehlt den Karatekas, die plötzlich in den Freikampfbereich geschubst werden.
Warum haben viele Probleme damit??
Wenn man sich unsere Wettkampfregeln auch in Ihrer Entwicklung anschaut, muss man erschrocken feststellen, dass statt mehr „freier Kampf“ diese Bewegungsform immer weiter eingeschränkt wird. So muß z. B. der Angreifer nach dem Angriff stehen bleiben (wie im Kihon-Ippon!?), um taktische Punktehascherei zu vermeiden. Aber – wer nicht angreift, kann nicht punkten, wozu dann noch irgendwelche Einschränkungen?? Der Zauderer straft sich doch selbst!
Um diese Form auch weiter attraktiv und lehrreich zu machen, schadet ein Blick über den Gartenzaun zu anderen Verbänden nicht: Dort kann man sehen, dass ein plötzlicher Seitenwechsel des Angreifers (nach Ansage der Technik und ohne Vorwarnung des Uke!) das Jiu-Ippon-Kumite nur belebt und den Übergang zum Jiu-Kumite erleichtert. Es entsteht eben ein halber Freikampf.
Die heiß diskutierte Punktwertung beim Jiu-Ippon-Kumite führt dann zu genausoviel oder wenig Problemen wie beim Freikampf.
Wer zusätzlich noch rechnet wird feststellen, dass man mit 7 Jahren Karate anfangen muss und ja schnell alle Prüfungen ablegen, um in einem bestimmten Alter überhaupt noch bei Wettkämpfen Kumite machen zu können – Mc Karate?? Wo wollen wir eigentlich hin?
Fazit:
Auch wenn es viele Bedenkenträger gibt, darunter auch Kampfrichter, sollte auch der Altersgruppe 15-17 (ab spätestens 5. Kyu) die Chance gegeben werden, alle Stufen der Leiter im Kumite zu gehen! Und die Prüfungsbestimmungen sollten keine Einschränkung darstellen, da diese nur Mindestkriterien abfordert und an Wettkämpfer einfach höhere Anforderungen zu stellen sind!
Dirk Zimmermann